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von Rainer Schulze-Seeger

Was ist Training in der Weiterbildung? Training ist Training: Also die planmäßige Durchführung eines Programms der Vermittlung von Wissen und vielfältiger Übungen zur Ausbildung von erweitertem Können und Fähigkeiten. Zur Stärkung der Leistungsfähigkeit und zur Steigerung der Leistungs-bereitschaft.

Training kann aber mehr sein. Viel mehr. Menschen kommen in ein Training, um ihren Nutzen zu mehren und um Hilfe zu erhalten, Lebenshilfe. In unseren Trainings kann der Teilnehmer die Eröffnung eines geistigen Raumes finden, innerhalb dessen Lebensfragen gestellt und erörtert werden können. Wer hat keine Fragen an das Leben? Aus den Erfahrungen unserer Seminararbeit gibt es offenkundig heute eine wachsende Zahl von Menschen, die von Lebensfragen umgetrieben werden; das hängt mit der heutigen Situation und dem Zustand der Moderne zusammen. An wen können sich diese Menschen eigentlich wenden?

Man kann vielleicht Fragen der Kommunikation, Fragen der Führung, Fragen zum Umgang mit Konflikten, Fragen allgemein zu Vorgehensweisen im Alltag und was es deren Themen zu sozialer und methodischer Kompetenz alles gibt, in den heute angebotenen Trainings zur Weiterbildung einigermaßen befriedigend beantworten. Fragen auch nach dem richtigen Umgang mit Gefühlen und Leidenschaften, mit Bedürfnissen, Lüsten und Ängsten, mit Macht und Ohnmacht, mit der Balance zwischen Verstand und Gefühl.

Was aber ist mit den Kompetenzen für die existenzielle Seite, bei denen es um die eigentlichen Lebensfragen geht: Ist dieses mein Leben auf dem richtigen Wege? Was ist eigentlich Leben für mich? Was halte ich für wichtig? Wie kann ich mein Leben führen? Welchen Sinn können Lüste, Ängste, Schmerzen und Leid haben? Woran kann dieses Leben orientiert werden? Was ist schön und bejahenswert für mich, was sind die Werte, denen ich in meinem Leben Bedeutung geben will? Was ist in meinen Augen Glück, was der Sinn des Lebens. Was ist das überhaupt: “Glück”, “Sinn”?

Um Antworten zu finden, suchen Menschen in wachsendem Maße nach einem Raum, in dem die Erörterung dieser Fragen möglich ist. Einen solchen Raum des Innehaltens und Nachdenkens bietet (neben anderem) auch unsere Weiterbildungsseminare. Darin besteht bereits ein Teil der Lebenshilfe: Den geistigen Raum zur Verfügung zu stellen. Bei aller leider oftmals bedingten “Zeitnot” einen Raum, in dem eigenständige Urteilskraft zu gewinnen ist, eigenständiges, autonomes, aufgeklärtes, humanitäres Handeln, mit deren Hilfe das Leben neu orientiert werden kann. Zur Pflege und zur Sorge dieses eigenen Lebens, des Lebens der Menschen um mich herum und damit auch zum Nutzen meiner Person. Zum Nutzen des Unternehmens, für das ich, meine Kollegen, meine Mitarbeiter und meine Führungskräfte tätig sind und natürlich vor allem meiner Familie und meinen Freunden.

Unser Training “behandelt” nicht, es trägt vielmehr auch zur Klärung von Lebensfragen bei. Die Klärung geschieht mithilfe der Seminarinhalte, nicht etwa durch sie. Der Klärungsprozess zielt nicht darauf, definitive Klarheit zu erreichen oder etwa “Wahrheiten” zu verbreiten, sondern diejenige operative Klarheit im Handeln, die das Leben wieder ermöglicht. Unser Trainingsangebot zur Klärung, seit Sokrates ein Angebot zum Gespräch, besteht in einer Art Geburtshilfe (griech. maieutik), um das eigene Denken hervorzubringen und aus der bedauerlicherweise weit verbreiteten Fremdbestimmtheit herauszuführen. Der Teilnehmer kann jeweils für sich und mit den anderen die Orientierung gewinnen, die im Dickicht des alltäglich gelebten Lebens, vor allem in den oft von außen irrsinnig anmutenden Unternehmenskulturen und -philosophien einzelner Wirtschaftsunternehmungen, verloren gegangen oder nie gefunden worden ist. Der Trainer ist der Gesprächspartner, der Coach und der Moderator in diesem Lebensgespräch, unabhängig davon, ob das Gespräch real (gesprochen) oder imaginär (gedacht) geschieht.

Wird der Trainer also zum Ratgeber? Nein. Es geht nicht um einen definitiven Rat, sondern um einen Prozess der Beratung, was wie wann womit zu tun sei: eine Erörterung der Aspekte, die im Spiel sind, der Optionen, die zur Verfügung stehen. Entscheidend ist das optative Vorgehen, das die Verantwortung bei demjenigen beläßt, der sein Leben selbst lebt, der aber mit seinen Fragen nicht alleingelassen sein will. Wie man sieht, das sind auch Grundlagen moderner Führung. Die Autonomie des Einzelnen zu achten ist ein hohes Gut. Schließlich muß jeder selbst, nicht irgendein “Ratgeber” (Chef!), die Verantwortung für sich und sein Leben tragen. Wichtig ist die Anregung, die hilfreicher sein kann, als ein konkreter Rat und die zudem wechselseitig ist: Sie kann den Teilnehmern, den Gesprächspartnern den Anstoß dazu geben, herkömmliche Bahnen des “abgenutzten” Denkens zu verlassen, eine Situation mit anderen Augen zu sehen und neue Möglichkeiten in den Blick zu bekommen.

Resultat solcher Trainings kann dann sein, eine “Philosophie zu haben”. Einsichten und, darauf ruhend, Grundsätze, die für wesentlich erachtet werden und denen in der alltäglichen Praxis zu folgen versucht wird.

Eine bewußte, überlegt eigene Auffassung vom Leben, von seinen Eigentümlichkeiten und Möglichkeiten; ein Wissen und eine Erkenntnis davon, worauf es im Leben ankommt.

Insofern kann Training natürlich auch Lebenshilfe sein.